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Mir blutete das Herz


Schnitzel­bän­kler bei Ihrem Auftritt im Pon­tem (Feb­ru­ar 2016)
Bild: © Raouf Sel­mi

Fast­nacht ist nicht jed­er­manns Sache. Ich sel­ber kann nichts mit dem bun­ten Nar­ren­treiben anfan­gen. Ich verklei­de mich nicht, ich bin kein Koma­trinker und die Guggen­musik weckt in mir Fluchtin­stink­te. Nichts­destotrotz hiel­ten die “schön­sten” Tage der Welt in unserem Vere­inslokal Einzug.  

Seit Dezem­ber 2008 engagiere ich mich mit meinem besten Fre­und in einem Kul­turvere­in in Herisau. Unsere ein­stige Pas­sion sel­ber Musik zu machen, wich über die Jahre der Lei­den­schaft Events und Konz­erte zu organ­isieren. Das „Pon­tem — Kul­tur am Viadukt“, wie unser Lokal heisst, wuchs durch unseren Eifer schnell zu ein­er fes­ten Grösse in der Herisauer Kul­turszene her­an. In acht Jahren begrüssten wir über 400 Kün­st­lerin­nen und Kün­stler. Unsere Ver­anstal­tun­gen waren stets sorgfältig geplant und mit viel Liebe zum Detail umge­set­zt. Dazu gehörte es, Musik­erin­nen und Musik­er gewis­senhaft auszuwählen. Waren wir von den Bands nicht überzeugt, bucht­en wir sie nicht. Um die Fast­nacht macht­en wir über sechs Jahre erfol­gre­ich einen Bogen.

Die Absage war gut über­legt

Im August 2014 the­ma­tisierten wir auf Anfrage ein­er lokalen Guggen­musik die soge­nan­nten „schön­sten“ Tage der Welt zum ersten Mal im Vor­stand. Ich kon­nte mich von Anfang an nicht mit dem Gedanken anfre­un­den, einen ganzen Abend lang dumpfen Pauken, schrillen Trompe­ten und arrhyth­mis­chem Gestampfe zuzuhören. Trotz­dem disku­tierten wir rege und lange über das Ange­bot. Zum Glück war ich mit mein­er Antipathie nicht alleine. Eine Ver­anstal­tung mit Guggen­musik lehnte der Vor­stand schliesslich ab.

Wir liessen uns überre­den

Kurz vor der Adventszeit unter­bre­it­ete uns die Guggen­musik erneut ein Ange­bot. Es ging nicht mehr um eine Guggen­par­ty, son­dern um einen Schnitzel­bank-Abend.

Schnitzel­bänke, habe ich darauf hin recher­chiert, sind humoris­tis­che Verse, die mit ein­er guten Por­tion Sarkas­mus gespickt, die Leute zum Lachen brin­gen sollen. Die The­men­wahl ist genau­so sim­pel, wie die Umset­zung. Polit- und gesellschaft­skri­tis­che Kurzgeschicht­en ver­packt in bekan­nte Ohrwürmer. An und für sich eine nette Idee, Absur­ditäten aus Poli­tik und Gesellschaft gewollt auf die Spitze zu treiben. Da wir früher gute Erfahrun­gen mit Lesun­gen und Slams gemacht hat­ten, entschlossen wir uns mitzuwirken.

Pauken und Trompe­ten

Gelockt von einem Dreigang­menü und neun Schnitzel­bankgrup­pen fan­den am Ver­anstal­tungsabend 60 Per­so­n­en den Weg zu uns. Die Sitz­plätze waren ausverkauft, die Stim­mung aus­ge­lassen. Alle warteten auf den Start. Kurz nach 20 Uhr war es soweit, die erste Gruppe betrat die Bühne.

Geilst par­ty 😊🎉🎉

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Sym­bol­bild — Guggen­musik aus Herisau

Aus anfänglichem Stirn­run­zeln entwick­elte sich schnell bares Entset­zen. Die Verse und Reime ziel­ten tief unter die Gürtellinie. Zu tief für meinen Geschmack. Demü­ti­gun­gen und Diskri­m­inierun­gen schlu­gen im Minu­ten­takt auf das grölende Pub­likum herab. Lustig fand ich das nicht und die Tat­sache, dass sie für ihre Polemik Kinder­lieder ver­wen­de­ten, wirk­te auf mich befrem­dend. Pauken und Trompe­ten wären mir lieber gewe­sen.

Der Scham stand mir ins Gesicht geschrieben

Nach jedem Auftritt dachte ich: „Schlim­mer kann es nicht mehr wer­den“. Weit gefehlt. Vers für Vers wurde es absur­der, Bier für Bier prim­i­tiv­er. Nach der sech­sten Gruppe schienen ras­sis­tis­che und sex­is­tis­che Belei­di­gun­gen Stan­dard. Selb­st das Gelächter im Pub­likum schien leis­er zu wer­den. Mir blutete das Herz und ich schämte mich.

Die Sprache der Fast­nacht ist die Sprache des Volkes

Ich ver­suchte noch während der Ver­anstal­tung etwas zu unternehmen. Mehrere Anläufe mit den Ver­anstal­tern eine Lösungsansatz zu find­en, scheit­erten. Sie erk­lärten mir: „Das ist die Sprache des Volkes, kein Grund sich aufzure­gen“.

Auf Scham fol­gte Wut und ich ver­zog mich ins Büro, wo ich den Rest des Abends blieb. Ich traute mich nicht mehr, unseren Gästen in die Augen zu blick­en. Ich wäre am lieb­sten im Boden ver­sunken.

Aus Fehlern ler­nen

Eine Floskel, ich weiss. Und noch falsch. Die Ver­anstal­tung lief so gut, dass wir im Vor­stand entsch­ieden das Event dieses Jahr wieder durchzuführen. Meine Proteste nutzten nichts. Ergo, ich kön­nte den gle­ichen Text nochmals schreiben. Der einzige Trost: Ein übernäch­stes Mal wird es nicht geben. Das Pon­tem – Kul­tur am Viadukt schloss am 30. April 2016 seine Türen. Der Kan­ton Appen­zell Ausser­rho­den und die Gemeinde Herisau wollen unsere Art der Kul­tur­förderung nicht unter­stützen. Über 400 Anlässe von ins­ge­samt fasst 500 Kün­st­lerin­nen und Kün­stler aus allen Sparten sind ihnen zu wenig. Nach acht Jahren Auf­bauar­beit kriegen wir keine Fördergelder, um unseren Vere­in weit­er­hin am Leben zu hal­ten. Unsere Events seien nicht Mehrheit­stauglich, so die Begrün­dung. Mit ein­er Guggen­musik hät­ten wir das Prob­lem wahrschein­lich nicht gehabt.

1 Kommentar

  1. Hal­lo Raouf

    Die Herischren­z­er dis­tanzieren sich klar und ein­deutig von deinen Aus­sagen. Es wurde nie­mand zur Fas­nacht oder zu Aktiv­itäten im Zusam­men­hang mit der Fas­nacht gezwun­gen – auch du nicht! Der Schnitzel­bank-Abend fand bere­its im ver­gan­genen Jahr statt und der Vor­stand vom Pon­tem, also auch du, entsch­ied sich dafür, diesen wiederum durchzuführen.

    Wir Herischren­z­er haben uns sehr für den Schnitzel­bank-Abend einge­set­zt und wer­den dies auch in Zukun­ft tun. Es tut uns leid für alle begeis­terten Besuch­er und vor allem für die tollen Schnitzel­bänke, die hier mas­siv in den Dreck gezo­gen wer­den. Wir wis­sen, dass hin­ter jed­er Schnitzel­bank sehr viel Arbeit, Freude und Per­so­n­en ste­hen, welche sich Gedanken über aktuelle The­men machen und diese humor­voll an die Bevölkerung tra­gen. Dass nicht alle Schnitzel­bänke und deren Ansicht­en jed­er­manns Mei­n­ung teilen, ist legit­im und die pointierten Aus­sagen sind bewusst gewählt.

    Du hast mit diesen Blogs nicht nur uns als Vere­in und Mitor­gan­isator vor den Kopf gestossen, son­dern die gesamte Herisauer Bevölkerung, die Fas­nächtler und die vie­len frei­willi­gen Helfer, des von dir so schlimm emp­fun­de­nen Gugge­nan­lass­es. Wir haben euch frei­willig und mit Elan beim Bridge Blast unter­stützt, auch wenn die Musikrich­tung sicher­lich auch nicht jed­er­manns Sache war. Im Leben kommt man weit­er, wenn Nehmen und Geben sich die Waage hal­ten.

    Wir sind sehr ent­täuscht und kön­nen nur schw­er fassen, dass es nun zu solch einem abrupten und sehr unschö­nen Ende jeglich­er Zusam­me­nar­beit zwis­chen den Herischren­z­ern und dem Pon­tem kommt.

    Wir entschuldigen uns bei den Organ­isatoren des Schnitzel­bank-Abends sowie bei allen, die sich von Raouf ange­grif­f­en fühlen.

    Vor­stand Herischren­z­er

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